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Kopftuch macht Probleme

Gesprächskreis der muslimischen Jugendverbände debattiert auch über Lage an den Schulen

SÜD. Irgendwie war es symptomatisch. Wann immer man über das Thema Integration diskutiert, landet man irgendwann beim Thema Kopftuch. So war das auch am Donnerstagabend bei der offenen Gesprächsrunde, zu der die Jugendverbände der muslimischen Kulturvereine in das DITIB-Jugendzentrum an der König-Ludwig-Straße eingeladen hatten.

Zum zweiten Male hatte der Nachwuchs interessierte Bürger, Akteure aus Verwaltung, Kirchen und Verbänden sowie interessierte Bürger eingeladen. Dabei wurde insbesondere beleuchtet, wie junge Menschen mit Migrationshintergrund im Schulalltag zurechtkommen. Unverblümt erklärte eine junge Gymnasiastin, die demnächst Abitur machen will, dass sie sich nicht traue, in der Schule ein Kopftuch zu tragen.

„Ich werde von meiner Familie nicht dazu gezwungen, sondern würde es aus religiöser Überzeugung gerne selbst tun. In der sechsten Klasse habe ich das auch versucht, doch bin ich damals von meinem Lehrer so heruntergemacht worden, dass ich danach nie wieder ein Kopftuch getragen habe”, berichtete die junge Muslima. Von ähnlichen Erfahrungen berichtete eine junge Frau, die als Erzieherin tätig ist. „Ich habe mich erst nach einigen Jahren entschlossen, bei der Arbeit ein Kopftuch zu tragen. Mit meinem Arbeitgeber gibt es überhaupt keine Probleme. Eher schon mit den Eltern, der von mir betreuten Kinder, die offenbar meinen, dass sie mit mir nicht wie mit einer Erwachsenen reden können”, berichtete die Frau. In der Modeboutique werde sie von den Verkäuferinnen kritisch beäugt. „Wenn ich mit dem Kopftuch versuche, die Straße zu überqueren, hält das zehnte Auto an, wenn ich ohne Tuch am Straßenrand stehe, bereits der zweite Wagen.”

„Diskriminierung auf vielen Ebenen”

Dass junge Migranten auf verschiedenen Ebenen diskriminiert werden, ist für den Integrationsratsvorsitzenden Ensar Kurt keine neue Erkenntnis. „Schon der Ausländerbeirat hat deshalb vor Jahren vorgeschlagen, in der Stadt ein Antidiskriminierungsbüro
einzurichten”, erklärte Kurt. Auf fruchtbaren Boden sei der Vorschlag aber leider nicht gefallen. Wobei Kurt wichtig war zu betonen, dass die Initiative keineswegs nur die Diskriminierung von Ausländern oder Migranten im Fokus hatte. Auf unterschiedlichen
Ebenen finde in der Gesellschaft Diskriminierung statt.

CDU-Bürgermeisterkandidat Christoph Tesche plädierte für eine differenzierte Betrachtung des Problems. „Wir haben auf diesem Feld einiges erreicht. Zum Beispiel kümmern sich die Kommissionen fürr Frauen- und Gleichstellungsfragen, für Menschen mit Behinderungen oder der Seniorenbeirat um diese Fragen.” Eine eigene Stelle dafür zu schaffen, hält der Erste Beigeordnete auch mit Blick auf die Finanzen für schwierig. Auf vorhandene Strukturen will auch SPD-Kandidat Frank Cerny setzen. ,,Eine wichtige Rolle können zum Beipiel die Schulsozialarbeiter spielen. Wir sind alls aufgerufen, dafür zu kämpfen, dass der Bund weiter die Finanzierung dieser wichtigen Stellen sicherstellt”, sagte Cerny.

Auch ein konkretes Projekt wurde bei der offenen Gesprächsrunde auf den Weg gebracht. Leyla Güleryüz, die bei der Stadt das Projekt der Rucksackmütter koordiniert, warb bei den DlTlB-Verantwortlichen dafür, künftig auch ihn deren Räumlichkeiten Kurse für Mütter und deren Kinder anbieten zu können. Das Prager-Eltern-Kind Programm (PEKiP) zielt auf die spielerische Frühförderung des Nachwuchses im ersten Lebensjahr und den Erfahrungsaustausch von Eltern ab. Wir bieten die Kurse zwar in vielen Familienzentren an, doch erreichen wir dort leider die Mütter mit türkischen Wurzeln nicht, berichtet Güleryüz. Sie hofft, dass die Hemmschwelle niedriger wird, wenn die Kurse im Kulturverein stattfinden.

AUF EIN WORT
Unerträglich und beschämend
von HERMANN BÖCKMANN

Die Initiative der Jugendverbände der muslimischen Kulturvereine, ganz offensiv und öffentlich den Austausch darüber zu suchen, wie ihr Glauben das tägliche Leben bestimmt bzw. beeinflusst, ist eine gute Sache. Schade, dass außer Funktionsträgern aus Politik, Verwaltung und Kirchen nur wenige “Otto Normalverbraucher” den Weg in die DITIB-Räume fanden. Ja, es gibt sicher Muslime, die sich jeder Art von Integration verschließen, im schlimmsten Falle sogar ins extreme Lager abrutschen. Die Schlagzeilen sind ihnen dann sicher. Doch am Donnerstagabend konnte man junge Menschen mit türkischen Wurzeln erleben, die Recklinghausen als ihre Heimat ansehen, aufgrund ihres Glaubens aber in der
Schule und in der Ausbildung diskriminiert werden. Dass sich muslimische Mädchen und Frauen wegen ihres Kopftuches verbalen Angriffen ausgesetzt sehen oder ungerecht behandelt werden, ist unerträglich und beschämend. Gleichzeitig sind ihre Berichte Grund genug, den von den lugendverbänden der muslimischen Gemeinden initiierten Austausch fortzusetzen.

Quelle: Hermann Böckmann – Recklinghäuser Zeitung – 05.04.2014 – Seite 7 – Nummer 81

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